Wer Geld hat, besitzt den Zugang zum Reichtum der Welt. Wer es nicht besitzt, verhungert neben den Reichtümern der Gesellschaft. Wer Geld besitzt, kann sich von anderen die Schuhe putzen lassen, Liebschaften kaufen oder schlicht andere für sich arbeiten lassen. Wer kein Geld besitzt, ist ein armer Hund. Wie wird man also reich? Das ist die spannende Frage, sowohl für diejenigen, die hinter dem Geld herjagen wollen, als auch für diejenigen, die Armut bekämpfen wollen und dafür zunächst die Gründe von Armut und Reichtum wissen müssen.
Die Grundlage für den Zweck der privaten Bereicherung ist die staatlich gewährte und abgesicherte Freiheit des Eigentums. Eigentum nicht im banalen Sinne des Benutzens: das Essen eines Apfels, das Tragen einer Jacke, der Gebrauch der eigenen Zahnbürste. Eigentum im Sinne von Produktionsmitteln. Eigentum ist aber kein natürlicher Gegenstand. An einer Maschine, einer Fabrik oder einem Stück fruchtbaren Land klebt kein Eigentum. Eigentum ist ein gesellschaftliches Gewaltverhältnis, in dem sich Menschen vom Zugang zu Produktionsmitteln und den damit erzeugten Gütern ausschließen. Die Freiheit des Einen, Fabrik- oder Grundbesitzer zu sein, bedeutet schließlich für die Anderen, den Ausschluss von den Produktionsmitteln. Die Größe des Geldbeutels, die in der Marktwirtschaft darüber entscheidet, wessen Bedürfnisse relevant sind, ergibt sich damit unmittelbar aus dem marktwirtschaftlichen Produktionsprozess. Wer keine eigenen Produktionsmittel besitzt, muss, um an die erforderlichen Lebensmittel zu gelangen, täglich seine Arbeitskraft als Ware auf dem Arbeitsmarkt anbieten. Wer Produktionsmittel besitzt, kann andere lohnend für sich arbeiten lassen und so mit seinem wachsenden Reichtum die Zugriffsmacht auf die Arbeitsleistungen und Produkte anderer ständig vergrößern.
Wenn zehn Menschen für mich arbeiten und mir der Wert ihrer Arbeit zusteht, kommt mein Reichtum natürlich ganz anders voran, als wenn ich auf mich selbst verwiesen bin. Der entscheidende Hebel für den Gewinn der Produktionsmittelbesitzer ist dabei die Differenz zwischen dem Wert der Arbeitskräfte, die sie auf dem Arbeitsmarkt einkaufen, und dem Wert der durch sie verrichteten Arbeit. »Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letzterer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden.« Interessant ist das natürlich nur, wenn der Wert der Arbeitskraft niedriger ist als der Wert, den der Käufer der Ware Arbeitskraft sich über die Intensität und Zeitdauer ihrer Anwendung aneignet. Je länger der Arbeitstag und je intensiver die Verausgabung, desto besser vom Standpunkt des Käufers. Die Arbeitnehmer, die nur über den Verkauf ihrer eigenen Arbeitskraft das erforderliche Geld für die eigene Bedürfnisbefriedigung verdienen können, haben ein gegensätzliches Verhältnis zu Arbeitszeit und Arbeitslohn. Inwieweit sie es durchsetzen können, soll auf dem Markt entschieden werden. Die mittellosen Arbeitnehmer konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt gegeneinander um die vorhandenen Arbeitsplätze. Je nach den Kalkulationen der Produktionsmittelbesitzer und den Konjunkturen ihrer Geschäfte kommen sie zum Zug oder auch nicht. Überstunden und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit sowie Armut neben existierendem Reichtum sind daher bezogen auf den marktwirtschaftlichen Zweck der privaten Geldvermehrung und gemäß des liberalen Leitspruchs der Marktwirtschaft – »niedrigere Löhne sind sozialer als keine Arbeit« – kein Widerspruch. Wer mit seinem Arbeitseinkommen nicht auskommt, muss sich nach einem Zweitjob umsehen. Wer arbeitslos wird, weil er von niemandem für dessen lohnende Geschäfte gebraucht wird, muss den Gürtel enger schnallen. Alter oder Krankheit können sich auch in den reichsten Industrieländern nur wenige leisten.
Der Tellerwäscher, der zum Millionär wird und damit selbst andere für sich arbeiten lassen kann, bestätigt als Ausnahme von der Regel nichts anderes als die Regel. Die Regel ist, dass der Arbeitnehmer, der seine Arbeitskraft verkaufen muss, weil er keine eigenen Produktionsmittel besitzt, auch nach dem Produktionsprozess über nichts als seine Arbeitskraft verfügt und daher diese erneut verkaufen muss, um an die notwendigen Lebensmittel zu gelangen. Die Regel ist, dass die Unternehmer den Teil des über den Produktionsprozess angeeigneten Mehrwertes, der für den eigenen Konsum nicht benötigt wird, in den vermehrten Kauf fremder Arbeitskraft investieren können, um hierüber den ihnen zustehenden Mehrwert zu steigern. So werden die Reichen mit dem marktwirtschaftlichen Wirtschaftswachstum zwangsläufig reicher und die Armen zwangsläufig ärmer.
»Der ganze Unterschied gegen die alte, offenherzige Sklaverei ist nur der, dass der heutige Arbeiter frei zu sein scheint, weil er nicht auf einmal verkauft wird, sondern stückweise, pro Tag, pro Woche, pro Jahr, und weil nicht ein Eigentümer ihn dem andern verkauft, sondern er sich selbst auf diese Weise verkaufen muss, da er ja nicht der Sklave eines einzelnen, sondern der ganzen besitzenden Klasse ist. Für ihn bleibt die Sache im Grunde dieselbe, und wenn dieser Schein der Freiheit ihm auch einerseits einige wirkliche Freiheit geben muss, so hat er auf der andern Seite auch den Nachteil, dass ihm kein Mensch seinen Unterhalt garantiert, dass er von seinem Herrn, der Bourgeoisie, jeden Augenblick zurückgestoßen und dem Hungertode überlassen wer den kann, wenn die Bourgeoisie kein Interesse mehr an seiner Beschäftigung, an seiner Existenz hat.« (F. Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, MEW Bd. 2, S. 310)