Wie wird man Milliardär während andere verhungern?
Die »unsichtbare Hand der Marktkräfte« steuert das
Wirtschaftsgeschehen und treibt die Menschen zum Vorteil und Wohlstand
für alle an. Dies ist die verbreitete Meinung in Schulbüchern,
Volkswirtschaftsseminaren, Parteiprogrammen und Zeitungen. Die
marktwirtschaftliche Wirklichkeit zeigt weltweit andere Bilder. Selbst in den
Industrieländern, in denen sich die Reichtümer ansammeln, ist
Armut breiter Bevölkerungsschichten kein Fremdwort. Im Gegenteil.
Begriffe wie »Neue Armut«, »Altersarmut«,
»Kinderarmut« und »working poor« sind neben der Ideologie
von den heilsamen Marktkräften durchaus bekannt.
Wie wird man also reich? Das ist die spannende Frage sowohl für diejenigen, die hinter dem Geld herjagen wollen, als auch für diejenigen, die Armut bekämpfen wollen und dafür zunächst die Gründe von Armut und Reichtum wissen müssen.
Lotto mit 1 zu 2.000.000 Gewinnchance oder Ratespiele im Fernsehen haben viel mit
dem Prinzip Hoffung zu tun, erklären aber nicht, wie es einige schaffen,
nicht nur Millionär, sondern zunehmend sogar Multimillionär oder
Milliardär zu werden, während andere mit ihrer Rente nicht auskommen
oder am Monatsende regelmäßig einen Kontoleerstand verbuchen.
Der einfache Warenhandel erklärt dieses Phänomen auch nicht. Da kann
ich mich noch so anstrengen, geschickt oder raffiniert sein: Warenhandel ist
Äquivalenttausch. »Ein Mann, der viel Wein und kein Getreide besitzt,
handelt mit einem Mann, der viel Getreide und keinen Wein besitzt, und zwischen
ihnen wird ausgetauscht Weizen zum Wert von 50 gegen einen Wert von 50 in
Wein. Dieser Austausch ist keine Vermehrung des Tauschwerts, weder für den
einen noch für den andren; denn bereits vor dem Austausch besaß jeder
von ihnen einen Wert gleich dem, den er sich vermittelst dieser Operation
verschafft hat. …Derselbe Wert, d.h. dasselbe Quantum
vergegenständlichter gesellschaftlicher Arbeit, bleibt in der Hand desselben
Warenbesitzers in Gestalt erst seiner Ware, dann des Geldes, worin sie sich
verwandelt, endlich der Ware, worin sich dies Geld rückverwandelt. Dieser
Formwechsel schließt keine Änderung der Wertgröße
ein… In seiner reinen Gestalt ist er ein Austausch von Äquivalenten,
also kein Mittel, sich an Wert zu bereichern.« Selbst wenn ich in der
Konkurrenz erfolgreich bin – was ja nicht nur von mir, sondern ebenso
von meinen Konkurrenten abhängt –, begrenzt daher meine eigene
Arbeitszeit im einfachen Warenhandel die Menge an Geld, die ich
verdienen kann. Im Vergleich zu den notwendigen Verlierern der
Konkurrenz ist das schon ein Erfolg, aber Milliardär wird man so nicht.
Übers Ohr hauen, bescheißen und betrügen, also versuchen, seine
Waren durch geschickte Verschleierung des Gebrauchswerts über ihrem
Wert zu verkaufen, ist das tägliche Geschäft, das aus dem Gegensatz
zwischen Verkäufer und Käufer resultiert. Aber richtig reich wird
man darüber nicht. Die Kunden sind ja auch nicht blöd. Bei wem man sich
betrogen fühlt, da kauft man nicht mehr. Und Diebstahl oder Raub werden von
der Polizei verfolgt. Milliardäre haben das nicht nötig, sie
können sich ganz korrekt verhalten, weil sie über eine subtilere
Methode verfügen.
In der Marktwirtschaft, im freien Warenhandel, gibt es nämlich ein erlaubtes
und sogar ehrenwertes Mittel, um sich zu bereichern. Es ist so einfach wie
einleuchtend: Man lässt andere für sich arbeiten. Wenn die Menge an
Geld, die ich über den einfachen Warenhandel verdienen kann, durch mein
eigenes Arbeitsvermögen und meine eigene Arbeitszeit begrenzt ist,
dann kann ich mein Einkommen grenzenlos vermehren, wenn ich es schaffe, andere
für mich arbeiten zu lassen. Wenn zehn Menschen für mich arbeiten und
mir der Wert ihrer Arbeit zusteht, kommt mein Reichtum natürlich ganz anders
voran, als wenn ich auf mich selbst verwiesen bin. Was in der Sklaverei oder in
der feudalistischen Leibeigenschaft über direkten Zwang gelöst
wurde, geschieht in der Marktwirtschaft, indem die Arbeitskraft zur Ware
wird.
Wenn ich als Arbeitgeber jemanden anstelle, kaufe ich seine
Arbeitskraft. Wie beim normalen Warenhandel gilt auch hier das Gesetz
des Warenaustausches, allerdings mit einer interessanten Besonderheit. Die
Ware Arbeitskraft, die zu ihrem Wert auf dem Arbeitsmarkt gekauft wird, schafft
durch ihre Anwendung selbst Wert. »Der Gebrauch der Arbeitskraft ist
die Arbeit selbst. Der Käufer der Arbeitskraft konsumiert sie, indem er
ihren Verkäufer arbeiten lässt.« Der Käufer der Ware
Arbeitskraft nutzt daher die Differenz zwischen dem Wert der Arbeitskraft,
für die er bezahlt hat, und dem durch die Anwendung der fremden
Arbeitskraft erzeugten Wert, den er in Geld einlösen kann.
Interessant ist das natürlich nur, wenn der Wert der Arbeitskraft
niedriger ist als der Wert, den der Käufer der Ware Arbeitskraft sich
über die Intensität und Zeitdauer ihrer Anwendung aneignet. Je
länger der Arbeitstag und je intensiver die Verausgabung, desto besser
vom Standpunkt des Käufers. Vom Standpunkt des Verkäufers sieht
das, wie jeder weiß, umgekehrt aus.
Ob man das ökonomisch bedingte Verhältnis zwischen
»Arbeitgeber« und »Arbeitnehmer« Klassengegensatz
oder Sozialpartnerschaft nennen will, ändert an den
gegensätzlichen Interessen nichts. Wer in der Marktwirtschaft, in der
Bedürfnisse nur zählen, wenn man dafür bezahlen kann,
lediglich über seine eigene Arbeitskraft als Ware verfügt, wird
gemessen an der Reichtumsproduktion seiner Gesellschaft nicht reich. Am Ende
des Monats ist vom Verkauf der Arbeitskraft trotz Spülmaschine und
DVD-Player nicht mehr genug übrig, um leben zu können. Also ist man
erneut darauf verwiesen, seine Arbeitskraft an jemanden zu verkaufen, der
sich darüber bereichern will. Das mag solange relativ gut gehen, bis man
nicht mehr gebraucht wird, man sich nicht mehr rechnet, wie es so schön
heißt. Krankheit und Alter kann sich ein abhängig Beschäftigter
bei dieser Sorte Warenhandel selbst in den reichsten
Industrieländern der Welt kaum leisten. So passen Volkselend und
Nationalreichtum zusammen oder besser gesagt: Die Not, seine Arbeitskraft
verkaufen zu müssen, ist in der Marktwirtschaft die Grundlage für
die Reichtumsproduktion. Ohne die Möglichkeit, sich durch die
Anwendung fremder Arbeit zu bereichern, wird nämlich gar nicht
produziert. Das lohnt sich ja nicht.
Oberflächlich betrachtet erscheinen gewisse Dinge oft anders, als sie in Wirklichkeit sind. Die Erde ist eine Scheibe, der Mittelpunkt des Universums, um den sich alles dreht. Geht man der Sache auf den Grund, erklären sich dann bestimmte Phänomene.
Mit der auf die Zeit bezogenen Entlohnung wird scheinbar die Arbeitszeit bezahlt.
Je länger gearbeitet wird, desto mehr wird bezahlt. Bei über die
Normalarbeitszeit hinausgehender Arbeit werden sogar
Überstundenzuschläge bezahlt. Beim Stücklohn sieht es auf den
ersten Blick so aus, als ob der Preis der Arbeit durch die
Leistungsfähigkeit des Produzenten bestimmt werde. Das Produkt der Arbeit
wird bezahlt, je mehr produziert wird, desto mehr Geld gibt es. Wäre das der
Fall, dann müsste die arbeitende Bevölkerung ihre gesamte, im
jeweiligen Monat oder Jahr geschaffene Produktionsleistung kaufen
können.
Aber wo kommen denn dann die Gewinne her? Wie war das noch einmal? Wie wird man
Milliardär? Wenn ich als Handwerker zehn Stunden arbeite, kann ich die
Produkte meiner Arbeit als Waren auf dem Markt zum Wert der gesellschaftlich
notwendigen Arbeitszeit gegen ein Äquivalent in Form von Geld verkaufen. Ich
kann so andere Warenwerte zum Wert der für ihre Herstellung gesellschaftlich
notwendigen Arbeitszeit kaufen. Milliardär werde ich so nicht. Wenn ich
andere für mich arbeiten lasse und ihnen ihre Arbeitszeit, also den Wert der
von ihnen hergestellten Produkte bezahle, werde ich auch nicht Milliardär:
Ich investiere eine bestimmte Summe Geld in Produktionsmittel und
Arbeitskräfte und realisiere die gleiche Summe auf dem Markt, wenn ich die
Produkte zu ihrem Wert verkaufe. Einfach über dem Wert zu verkaufen,
wäre natürlich schön, lässt die Konkurrenz aber
gewöhnlich nicht zu. Und wenn alle z.B. 10% über Wert verkaufen, ist
auch nichts gewonnen, das Geld ist schlicht weniger Wert. Wie man sich dreht
und wendet, die Differenz zwischen dem Wert der Ware Arbeitskraft und dem
über ihre Anwendung angeeigneten Wert ist der Schlüssel zum Glück.
»Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt
gegenübertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der
Arbeiter. Was letzterer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit
wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also
nicht mehr von ihm verkauft werden.« Und nichts ist leichter, als den
Kauf der Arbeitskraft einfach Bezahlung der Arbeit zu nennen. »Die
Form des Arbeitslohns löscht also jede Spur der Teilung des Arbeitstags
in notwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit aus. Alle
Arbeit erscheint als bezahlte Arbeit.«
(alle Zitate aus Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1)